Historie

20 Jahre in fünf Epochen

Von der Betriebssportgruppe zum größten lesbisch-schwulen Sportverein der Stadt

I. Epoche: Das Phantom der Oper
I. Epoche: Gründung

Alles begann 1986, als sich eine handvoll Mitglieder der Volleyball-Betriebssportgruppe der Deutschen Oper, zwei Gymnastikfreunde vom Kommunikationszentrum Hollmannstraße und ein Trainer trafen, um einen neuen Verein zu gründen. Man wollte gemeinsam Sport machen und dabei unter Seinesgleichen sein. Schwule, die gemeinsam Sport treiben? Unerhört! Und doch gab es so etwas bereits, nämlich in Köln, der westdeutschen Szene-Hochburg. Wie konnte Berlin dem nachstehen! Nichts wollte so recht passen, kein Begriff konnte das sportliche Anliegen zusammen mit dem Gefühl der Lebensfreude ausdrücken, erinnert sich ein Gründungsmitglied. Nur ein Vorschlag wurde ein ums andere mal genannt. Man war nicht recht begeistert, aber zumindest war er durch seinen sexuellen Beiklang provokativ - auch das ein wichtiger Wert in den 1980er Jahren. Am Ende bliebe es dabei, der Verein hieß von nun an "Vorspiel". Im November stand der erste Entwurf einer Satzung für den neuen schwulen Sportverein, drei Monate später bestätigte das Amtsgericht Charlottenburg die Existenz von "Vorspiel - Schwuler Sportverein (SSV) Berlin e.V.".

In dieser Gründungsphase ergatterten die Volleyballer ihre erste Trainingshalle. Und zwar über die Technische Universität. Inkognito nahmen alle Vorspieler, die an der TU studierten, am Losverfahren teil, in dem die Hallen der Universität an freie Sportgruppen verlost wurden.

Die Gymnastikgruppe trainierte dagegen in einer Baracke in der Hollmannstrasse: eng und muffig war es hier, zahlreiche Stützpfeiler überall im Raum behinderten jeden Bewegungsablauf. Die Decke war so niedrig, dass die Sportler beim Bockspringen darauf achten mussten, sich nicht den Kopf zu stoßen. Doch diese Einschränkungen waren nicht wichtig. Entscheidend war das gemeinsame Sporterlebnis unter Freunden. Damals wurden Homosexuelle noch unverblümt diskriminiert und die neue Schreckenskrankheit AIDS sorgte für weitere Ausgrenzung. Doch der gemeinsame Sport, das Gefühl der Gruppe, vermittelte Stärke und schweißte die Teilnehmer zusammen.

II. Epoche: Wachstum und Kampf um Anerkennung
II. Epoche: Wachstum

Im Oktober 1988 begann eine neue Phase im Vereinsleben von Vorspiel. Neue Leute waren dem Verein beigetreten und vervielfachten durch ihr Engagement die Aktivitäten. Um der Hallenmisere entgegenzuwirken, stürzten sich die neuen Drahtzieher in die Verbandspolitik. Der Volleyballverband erwies sich als unkompliziert und nahm Vorspiel sofort auf. Doch mit dem Berliner Leichtathletikverband entspann sich ein heftiger Streit. Seine Funktionäre empörten sich über den Namen und nutzen seine Doppeldeutigkeit für die weitgehende Ausgrenzung der schwulen Sportler.

Zwar sei „Vorspiel“ allein ein akzeptabler Name, „schwuler Verein“ ginge auch noch. Aber die Kombination dieser beiden sei unvereinbar mit dem Sport, untragbar für den Verband. Weil der Berliner Leichtathletikverband nicht von seiner Position abrückte, zog Vorspiel 1992 vor Gericht. Die Klage wurde abgewiesen. Und so zog sich die Auseinandersetzung bis 1998 hin. Im September dieses Jahres änderte Vorspiel offiziell seinen Namen in „Vorspiel - Sportverein für Schwule und Lesben Berlin e.V.“ und entzog damit Athletenverband die Grundlagen seiner Argumentation. Zähneknirschend musste man den Beitritt von Vorspiel hinnehmen.

Der Mauerfall war eine andere, wenngleich durchweg positive Veränderung für Vorspiel. Schwule aus Ostberlin wurden eingeladen und konnten unmittelbar nach der Wende kostengünstig an allen Sportveranstaltungen von Vorspiel teilnehmen. In den nächsten Jahren dehnte sich Vorspiel nach Osten aus, übernahm Spielstätten im ehemaligen Ostsektor der Stadt. In die Nach-Mauer-Phase fällt auch der Beginn eines ungeahnten Wachstums von Vorspiel. Die Mitgliedschaft wuchs von 60 Mitgliedern im Jahre 1988 auf satte 600 zum Jahreswechsel 1992/1993. Entsprechend schnell etablierten sich neue Abteilungen und das Sportangebot wurde immer vielfältiger.

Einen riesigen Schub erfuhr das Selbstbewusstsein der Berliner 1990 mit der Teilnahme an den Gay Games in Vancouver. Die Vorspiel-Delegation, die den Sprung über den großen Teich wagte, brachte nicht nur Trophäen der sportlichen Erfolge zurück nach Berlin, sondern auch eine regelrechte Begeisterung für das Offen Schwulsein, das sie in Kanada kennen gelernt hatten. Es war der Anstoß für neue Aktivitäten in Good Old Europe, wie dem ersten Gay & Lesbian Run, den Vorspiel mit dem Frauensportverein Seitenwechsel organisierte und die vermehrte Teilnahme an den Wettkämpfen und Spielen der Heteros. Von nun an nahm Vorspiel an den jährlich stattfindenden Gedenkfeiern im Konzentrationslager Sachsenhausen teil, um hier mit einer Kranzniederlegung an die Verbrechen an Homosexuellen im NS zu erinnern. Diese Momente der bitteren Erinnerung und des stillen Gedenkens an der Seite von Repräsentanten anderer schwuler Organisationen sind zu einer traurigen, aber ehrenvollen Tradition des Vereins geworden.

III. Epoche: Vorspiel wird zur festen Größe
III. Epoche: Etablierung

Auf die Phase des Wachstums folgt etwa ab 1993 eine der Etablierung. Abgesehen vom Verband der Leichtathleten, deren Funktionäre nach wie vor die Stirn runzelten, wenn Vorspieler antraten, hatte man bei allen anderen Verbänden Anerkennung erworben. Die Mitgliedschaften in zahlreichen Sportverbänden verschaffte den einzelnen Abteilungen bessere Trainingsbedingungen, bessere Hallen, besseres Material und die Möglichkeit, an offiziellen Turnieren teilzunehmen. Bei immer mehr Turnieren einzelner Abteilungen übernahm kulturelle oder politische Stadtprominenz die Schirmherrschaft. Aber auch die Organisation des Vereinslebens wurde komplexer, das Management professioneller. Während man sich in den Anfangsjahren noch mit handschriftlichen Listen und Karteikartensystemen behalf, musste nun ein wesentlich größerer Aufwand betrieben werden, um Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederbetreuung zu koordinieren. Mittlerweile gab es einen Trend zu immer mehr schwul-lesbischen Sportbegegnungen, der bis heute anhält. Auch bei Vorspiel engagierten sich immer mehr auf Sportveranstaltungen, über denen die Regenbogenfahne flatterte.

Ein Höhepunkt war das Jahr 1996 als die Berliner schwul-lesbischen Sportvereine die vierten Eurogames und in deren Gefolge über 3.300 Aktive in 17 verschiedenen Sportarten nach Berlin holten. Seit den Gay Games 1994 in New York gab es eine Art „Corporate Identity“ der Berliner Sportler und in Amsterdam paradierten mehr Berliner Schwule und Lesben als jemals zuvor gemeinsam ins Stadion.

IV. Epoche: Frauen an die Macht

Seit 1993 gab es auch zunehmend Frauen, die in einzelnen Abteilungen mitmischten, vor allem beim Badminton, beim Squash und in der Abteilung Judo/Kampfsport. Das führte immer wieder zu Diskussionen, ob man den Verein nicht nur der Satzung nach, sondern auch ganz offiziell für Frauen öffnen sollte. Auf einer Mitgliederversammlung im Februar 1998 wurde dieser Punkt der Tagesordnung lebhaft und kontrovers diskutiert. Manch einer fürchtete um die schwule Identität des Vereins, andere wollten lieber unter sich bleiben. Doch am Ende überwiegten dann doch die moderaten Haltungen und mit der Namensänderung wurde offiziell die Öffnung Vorspiels für Lesben besiegelt.
2001 wurde mit Grit zum ersten Mal auch eine Frau in den Vorstand des Vereins gewählt. Seit den 2000er Jahren wirkte sich auch die desolate Finanzsituation der Stadt Berlin auf das Vereinsleben aus. Für neue Gruppen standen nun immer weniger Sportstätten zur Verfügung, um vorhandene Orte musste arg gekämpft werden.

Und obwohl sich in der neuen Geschäftsstelle in der Naumannstraße jetzt bezahlte Bürokräfte den umfangreichen Verwaltungsaufgaben widmeten, mussten sich die VorständlerInnen immer stärker um den laufenden Sportbetrieb kümmern.

V. Epoche: Die Arie um die Games
V. Epoche: Games

So sehr im Mikrokosmos des Tagesgeschäfts verstrickt, bemerkte der Vorspiel-Vorstand nicht, dass sich Ende 2003 eine handfeste Krise in der internationalen lesbisch-schwulen Sportcommunity zusammenbraute - mit heftigen Auswirkungen auch auf die Berliner Sportszene.

Und das kam so: Die Ausrichter der Gay Games 2006 in Montreal überwarfen sich mit den Lizenzgebern der Spiele, der Federation of Gay Games. Die kanadischen Ausrichter gründeten kurzerhand eine Konkurrenzorganisation, die GLISA, die seitdem ebenfalls im vierjährigen Rhythmus internationale Sportspiele unter dem Titel „Outgames“ veranstaltet. Zu dieser Zeit strebte auch Berlin eine Bewerbung für die nachfolgenden Gay Games im Jahre 2010 an. Doch schon kurz nach dem Streit zwischen Montreal und der Federation of Gay Games schwenkte der extra gegründeter Bewerbungsverein „Games Berlin“ auf die bis dato unbekannten neuen Outgames um. Doch Vorspiel ließ sich nicht gegen die traditionsreichen Gay Games in Stellung bringen und sprach sich im Spätsommer 2004 ganz offiziell gegen eine Outgames-Bewerbung Berlins aus.

Das Hauptargument: Die Konkurrenz von zwei Olympiaden führt zur Spaltung der internationalen lesbisch-schwulen Sportwelt. Auf der Mitgliederversammlung 2005 sprach eine überwältigende Mehrheit der anwesenden 135 Mitglieder dem Vorstand ihr Vertrauen aus und stellte sich hinter dessen Entscheidung, eine Outgames-Bewerbung nicht zu unterstützen.

Und heute?

Im 20. Jahr seines Bestehens treiben jeden Tag Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und sogar eine handvoll Heterosexuelle mit, bei, durch, über und unter Vorspiel Sport. Und zwar in 20 Sportarten an über 50 verschiedenen Terminen pro Woche. Mehr als 1000 Mitglieder zählt der Verein heute und ist damit die größte schwul-lesbische Vereinigung der Stadt. Längst ist Vorspiel für seine Mitglieder mehr als nur ein Sportclub. Vorspiel ist auch Treffpunkt, Freizeitheim, Krisenberatung, Glückstankstelle, Partnervermittlung, ein Stück Zuhause, eben 1000 Freundinnen und Freunde.

Termine

02.08.2017 (19:00 - 21:00)
EV
3. Erweiterte Vorstandssitzung 2017
05.08.2017 (16:00 - 18:00)
Inline Skating
Workshop für Einsteiger_innen und Wiedereinsteiger_innen

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